Welttag der Fremdenführer/Gästeführer – ein paar Gedanken dazu

Am vergangenen Sonntag, 21. Februar, war der Welttag der Fremdenführer/Gästeführer. Diesen Anlass möchten wir nutzen, um einen Text des Linzer Tourismus-Direktors Prof. Georg Steiner zu veröffentlichen. Er denkt dabei sehr kritisch, aber zukunftsorientiert über unsere Branche nach. Wir arbeiten mit ihm gemeinsam gerade an einem Projekt zum Thema Erlebnisse auf der Basis von Narrativen:

Wir werden dazu im Herbst eine Seminarreihe mit Online-Fortbildungen anbieten.

„Heute wäre der Welttag der Fremdenführer. Aber Corona hat auch diese Branche praktisch zum Erliegen gebracht. Führungen sind seit einem Jahr nicht möglich. Wie geht es weiter?

Corona wird auch hier Veränderungen nach sich ziehen, die ich begrüße und an denen wir in Linz schon seit vielen Jahren arbeiten und experimentieren.
Der Tourismus wird kleinteiliger, individueller werden. Massenphänomene, viele Menschen, große Gruppen sind auch vor Corona schon ins Gerede gekommen. Jetzt gilt es darüber nachzudenken, wie „Guiding“ individueller werden kann – das gilt für das Geschäftsmodell ebenso wie für Abläufe und Inhalte von Führungen.Damit komme ich zum zweiten Phänomen, das auf die Führungen Rückwirkung haben wird und muß. Es geht um die Auswirkungen der Digitalisierung. Ob Alexa, Siri oder wie all die elektronischen Begleiter heißen – sie wissen mittlerweile mehr als jeder Guide. Wird es also künftig noch darum gehen, sozusagen als „Wikipedia auf zwei Beinen“ (diesen Begriff habe ich mir von Sebastian Frankenberger ausgeliehen) unseren Gästen die Stadt häuserweise und biographisch zu erklären?
Viel zu lange waren die Führungen davon geprägt, dass Guides wie auch Touristiker wie selbstverständlich davon ausgegangen sind, dass jeder Gast grundsätzlich an Geschichte interessiert ist. Das möchte ich in Frage stellen und dazu aufrufen darüber mehr nachzudenken, was denn Gäste aus nah und fern an einer Stadt noch interessieren, faszinieren könnte.
„Die Menschen und nicht die Häuser sind die Stadt“, so formulierte es 500 Jahre vor Christus der griechische Staatsmann Perikles.Interessanterweise heißt der Welttag immer noch „Welttag der Fremdenführer“. Den Fremdenverkehr haben wir längst hinter uns. Aus Fremdenverkehr wurde Tourismus und nun sind wir an der nächsten Schwelle: Wer will denn noch Tourist sein? Touristen sind in der Wahrnehmung vieler Einheimischer jene Menschen, die wenig an die jeweilige Destination angepasst sind – ob in ihrer Kleidung, in der Lautstärke, in kulturellen Erscheinungsformen – in Massenphänomenen und tendenziell eher oberflächlich die Destination als Kulisse wahrnemend immer mehr Orte/Destinationen unserer Welt prägen. Je mehr „Touristen“ kommen, um so erfolgreicher – bisher, so weit so gut.
Aber vor Ort ist die Akzeptanz von Tourismus in dieser Form sinkend.
Und deshalb denke ich am Welttag der „Fremdenführer“ nicht nur über diese Phänomene nach sondern auch darüber, was das an Veränderung für die Betreuung, für die Unterhaltung unserer Gäste bedeuten könnte.
Individueller, persönlicher, authentischer, spielerischer, hybrider, poetischer und lebendiger – das sind meine Schlagworte, mit denen ich die Zukunft der Führungen umschreiben möchte.
Es wird weniger um Wissensvermittlung als vielmehr um das Aufwerfen von interessanten Fragen gehen.
Eine Führung ist kein Schulunterricht mit vielen Fakten und unterlegt mit didaktischen Hilfsmitteln (Stichwort: Historische Aufnahmen in Folien eingeschweisst).
Gäste müssen keine Experten werden und zu viele Details lenken von der Hauptbotschaft eher ab.
Es muß stärker um Narrative, um das Warum, um jene Messages gehen, die man persönlich als Gewinn, als neue Erkenntnis aufnimmt und was man auch zuhause noch begeistert weiter erzählen kann.
Es wird um mehr Authentizität gehen. Die Guides dürfen als eigene Persönlichkeit mit ihrem ganz eigenen Hintergrund wahrgenommen werden.
Und es wird um mehr Erlebnisorientierung gehen. Humorvoll durchaus, aber nicht als Clown. Erlebnisse entstehen durch Begegnungen, durch Berührungen – mit Menschen, mit regionalen Produkten, bei kulturellen Erlebnissen. Positive Resonanz erzeugen – darum geht es. Guides sind eine der wichtigsten ‚Touchpoints’ einer Destination.

Ich weiß, dass ich mit diesen Betrachtungen viel Althergebrachtes in Frage stelle. Aber unsere Welt ist mehr denn je in Veränderung begriffen.
Unsere Führungen sollen sowohl unsere Gäste begeistern als auch die Bewohner, die Einheimischen stolz machen auf das, was wir über unsere Stadt erzählen, wie wir unsere Stadt präsentieren. Und Tourismus soll stärker mit dem Leben einer Stadt verschmelzen und weniger als Zusatzstress wirken.
Das ist möglich und daran sollte man sich orientieren. Und die Guides sind jene Einheimischen, die sozusagen als „Interface“ zwischen den Gästen und der Stadt agieren – die Stadt als Menschen, und weniger als bauliche Kulisse betrachtet, wie schon Perikles feststellte.

Oder besuch doch im Sommer Linz bei einer Fortbildung mit einer interaktiven Erlebnis-Stadtführung durch uns, einem Gespräch mit Georg Steiner und einem Besuch der Ausstellung Wilde Kindheit im Lentos, dem Museum der modernen Kunst. Wir werden dazu noch Infos ausschicken.

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